Vösendorf


Gemeinde Vösendorf

Ortsgeschichte

Die südlich von Wien gelegene Marktgemeinde Vösendorf ist mit ihrer Umgebung seit der Jungsteinzeit besiedelt. Im Zuge des Autobahnbaus 1940/41 fand man 23 Gräbergruben (ca. 3000 v. Chr.). Durch einen sensationellen Fund von Roggenkörnern aus dem Neolithikum konnte man nachweisen, dass sich die Kulturpflanze Roggen nicht wie bislang angenommen aus dem Weizen-Unkraut um 1000 v. Chr. weiter entwickelte, sondern ursprünglich aus dem pannonisch-illyrischen Raum stammte. Bronzezeitliche Siedlungen und Gräber aus der Urnenfelderzeit wurden ebenso ausgegraben wie eisenzeitliche Häusergrundrisse und zahlreiche Webgewichte und Drehscheibenkeramik. Seit 15 v. Chr. sicherten die Römer die Grenzen des Ostalpenraumes und ließen sich auch hier in der Gegend nieder.

Der Ortsnamen lässt auf eine slawische Kolonisierungsphase des Umlandes zwischen dem 7. und 10. Jahrhundert schließen. Der slawische Personenname bož wurde zu vosin bzw. vösen eingedeutscht und kommt urkundlich bereits vor 1175 als vosendorf vor. Spätestens seit dem 11. Jahrhundert siedelten sich bairische und fränkische Kolonisten in der ottonischen Ostmark an.

Als Grundherrschaften sind die Stifte Admont, Heiligenkreuz, Zwettl und Klosterneuburg sowie die Schlossherrschaften Vösendorf, Inzersdorf, die Pfarren Vösendorf, Laxenburg und Himberg und der Wiener Johanniterorden in Vösendorf nachzuweisen. In das letzte Drittel des 11. Jahrhunderts, spätestens in das beginnende 12. Jahrhundert fällt die Gründung einer St. Georgs-Kapelle. Das ergab eine Grabung, die romanische Baureste freilegte. In Schriftquellen taucht eine Kirche 1267 auf. Das Patrozinium wechselte in der Folge auf die Heiligen Simon und Judas.

Die Burg – das spätere Schloss – wird urkundlich erstmals 1308 erwähnt. Bereits in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts gelangte sie in den Besitz des Stiftes Melks, das es als Lehen vergab. Während des ersten osmanischen Ansturms 1529 wurde der Ort mitsamt der Kirche, Pfarrhof und wohl auch dem Schloss, niedergebrannt. Unter Karl (Kaspar) Erlbeck erfolgte in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts ein Um- oder Neubau. Es entstand die von einem Wassergraben umgebene vierflügelige Anlage mit Turm im Westtrakt. Seit 1578 war das Schloss im Besitz der Familie Hofkirchen, welche zu den bedeutendsten Protestantenfamilien des Landes Niederösterreich zählten. Sie enteigneten das Vösendorfsche Kirchengut und finanzierten damit lutherische Prediger und Schulmeister. Das Schloss wurde Zufluchtsort religiös Verfolgter aus der Residenzstadt. Erst 1657 konnte der Atzgersdorfer Pfarrer, der auch Vösendorf mitverwaltete, als gegenreformatorischen Siegesruf vermelden: In Vesendorf ist kein Lutheraner mehr!

Während des zweiten Ansturms der Osmanen musste sich Vösendorf als „Fluchtort“ rüsten. Wien wurde von den zahlenmäßig deutlich überlegenen Truppen Kara Mustaphas belagert. Der Rückzug der kaiserlichen Soldaten nach Westen eröffnete einen freien Zugang zum Wiener Becken. Plünderungen und Brandschatzungen standen fortan an der Tagesordnung. Gut zwei Drittel der Häuser waren zerstört und drei Viertel der Dorfbewohner getötet oder verschleppt worden. Erst in den nachfolgenden Jahrzehnten wanderten langsam Neusiedler zu.

Seit 1693 waren Schloss und Herrschaft Vösendorf Eigentum der Grafen von Starhemberg. Maria Josepha Gräfin von Starhemberg ließ 1716 zwei Kaiseralleen anlegen, welche die Schlösser Favorita und Schönbrunn mit Laxenburg in bessere Verbindung setzen und zur Allerhöchsten Lust gewidmet sein sollten. 1738 wütete ein Großbrand im Ort und seine katastrophalen Folgen waren noch Jahre später zu spüren. Auch Missernten beim Weinbau (ebenfalls 1738), Erdbeben (1768) und Heuschreckeneinfall (1797) verursachten wirtschaftliche Einbußen und trugen zur Verarmung der Bevölkerung bei.

1794 erwarb Kaiser Franz II. das Schloss und seine Besitzungen.  Er setzte 1806 den Agrarwissenschaftler Peter Jordan zum Güterdirektor über Laxenburg und Vösendorf ein. Jordan baute ein Lehr-, Versuchs- und Mustergut ohne Robotleistungen auf, stellte von Schafhaltung auf hochwertige Rinderzucht um, verbesserte den Gemüse- und Gartenbau und führte mechanisierte Vorgänge in der Landwirtschaft ein. Auch eine ökonomische Lehranstalt wurde eingerichtet. Das Gut kann als Vorläufer der heutigen Hochschule für Bodenkultur angesprochen werden. Durch fremdbedingte Rückschläge (u.a. die Besetzung durch französische Truppen 1805 und 1809) wurde das Experiment 1824 eingestellt.

Die Industrialisierung des Ortes in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert wurde durch die Ziegelproduktion eingeleitet. 1869 wurde die Wienerberger Ziegelfabriks- und Baugesellschaft gegründet, dann die Union Baumaterialiengesellschaft. Im Ortsgebiet bestanden sieben Ziegelöfen. Die für den Betrieb nötigen Arbeiter kamen aus Italien, Böhmen, Mähren und der Slowakei. Ihnen folgten ihre Familien. 1885 wurde die Vorläuferin der Badener Bahn eröffnet. Die Strecke führte von Wien-Gaudenzdorf über Vösendorf bis nach Wiener Neudorf und diente dem Personen- und Lastenverkehr. Rasch expandierten weitere Betriebe in Vösendorf wie die chemische Fabrik Spitzer & Wilhelm, die Lackfabrik Gebrüder Eisenstädter und die Spirituosenfabrik Berger & Volk. Als Anerkennung für den wirtschaftlichen Aufschwung wurde 1966 Vösendof zum Markt erhoben. Bekannt ist Vösendorf für das Shopping Center Süd (SCS), das 1976 eröffnet wurde und eines der größten Einkaufszentren (etwa 4500 Mitarbeiter und 330 Betriebe) Europas ist. Das desolate Schloss wurde 1991 von der Gemeinde erworben, um darin das Gemeindezentrum einzurichten. Während der Bauarbeiten wurden die Fresken in der Sala Terrene freigelegt. Am 20. November 1990 konnte das Schloss seiner neuen Bestimmung übergeben werden.