Legende von Oberleis
„Auf der Spitze des Buschberges, der sich etwa eine schwache Gehstunde vom Oberleiserberg erhebt, sind noch heute die Überreste einer Schanze zu sehen, die unter dem Namen Schwedenschanze bekannt ist. Als der schwedische Feldmarschall Torstenson seine Scharen bis vor die Tore Wiens streifen ließ, hatte sich ein Trupp derselben an der oben genannten Stelle verschanzt, um die ganze Gegend zu brandschatzen. Schon schickten sich die Raubhorden an, von hier aus über das Land die furchtbare Geißel des Krieges zu schwingen. Das erschreckte Landvolk flüchtete sich eilig in schnell gegrabene unterirdische Höhlen, sogenannte Erdställe und erwartete die Hufschläge der feindlichen Rosse, das Prasseln der über ihren Häuptern sausenden Granaten und den Feuerschein des Brandes ihrer Häuser und Hütten.
Da begab es sich, daß einem jungen Mädchen namens Brigitta, aus Pürstendorf oder Michelstetten gebürtig, im Traum die Himmelmutter Maria mit dem Jesuskind scheine, genau so angezogen, wie das Gnadenbild am Oberleiser Berg droben. Maria forderte das Mädchen auf, noch in selbiger Nacht aufzustehen, auf das Steinmandl zu gehen und durch ihre Beredsamkeit die Herzen der Schweden zu erweichen. Sofort raffte sich das Mädchen auf, um diesen Befehl zu gehorchen. Eineinhalb Stunden weit ging sie dahin in der Finsternis und als sie droben ankam, da braute sich soeben ein Gewitter zusammen. Die Schweden aber saßen, nachdem sie den ganzen Tag geplündert, bei ihren Zelten. Sie würfelten, schrien, lachten und spielten.
Da trat plötzlich Brigitta mitten unter die Feinde und begann auf diese einzureden. Als aber die Soldaten jene stattliche Jungfrau sahen, die ihre Sinne aufreizte, nahte sich ihr einer, um sie zu umarmen. Brigitta aber rief schnell und laut den Beistand der Gottesmutter an, in deren Auftrag sie ja hier her gekommen war und noch im selben Augenblick fuhr unter mächtigem Donnergegroll ein Blitz aus den Wolken hervor und streckte den Verwegenen tot nieder.
Die anderen rings umher erbleichten vor Schrecken und ihre Angst steigerte sich noch, als sie sahen, wie ein paradiesischer Lichtkranz die junge Gestalt umschimmerte, welche nun mit feurigen Worten den verrohten Gesellen ihre Verbrechen und Schandtaten vorhielt und sie aufmunterte, sich zu bekehren und von jetzt an Gott getreulich zu dienen.
Und da geschah das große Wunder! Nicht nur, daß die harten Herzen der Feinde erweichten, daß sie schworen abzuziehen und diese Gegend zu verschonen, nein, nach dem flammenden Worten des Mädchens ging in ihren Herzen das Licht des wahren Glaubens auf und sie, die bisher Protestanten gewesen, versprachen unter Tränen, sich von nun an zur katholischen Lehre zu bekennen und die Muttergottes zu verehren, die sie in dieser Nacht so wundersam aufgesucht hatte.
Und als das Frührot über die Berge aufstieg, da sahen die in Erdställe geflüchteten Bewohner eine Schar von Soldaten, angeführt von einem Mädchen, gegen Oberleis hinwallen, empor zur Gnadenkirche. Dort vor dem gepriesenen Gnadenbild Unserer lieben Frau knieten sie alle hin und legten ein feierliches Gelübde ab, von jetzt an der katholischen Lehre mit Leib und Seele ergeben zu sein, bis zu ihrem Tod.“
(Quelle: Johanna Graf, Ernstbrunn und der Naturpark Leiser Berge, Mistelbach 1999, S. 285f.)