Wiener Neustadt - Militärakademie, E4 + W4 - Skulpturengruppe
(1993 bis 1995)


Ljubomir Levacic (*1954)

Ljubomir Levacic beschäftigt sich mit dem Thema "Säulen" in den verschiedensten Variationen: Säulen als Körper, als menschliches Gebilde, in ihrer Beziehung zur Natur und zu den Menschen; die Säule als einfaches Bauwerk und als Überrest einstiger Bauwerke -als unverrückbare Zeichen und Zeitzeugen auf einem Platz.
Die Skulpturengruppe E4 + W4 besteht insgesamt aus 8 säulenartigen Objekten, von denen 4 (W4) bei der Militärakademie Wiener Neustadt und 4 (E4) in Ebenfurth nahe der Schule installiert wurden. Größe, Dimension und Form der Säulen sind für die beiden unterschiedlichen Standorte konzipiert. In Wiener Neustadt steht die Gruppe symmetrisch auf einem Fundament, einem Aluminiumkreuz, in Ebenfurth sind die Säulen in gleichweiten Abständen nebeneinander L-förmig angeordnet. Jedes einzelne Objekt ist 240 cm hoch und hat als Grundriss ein Quadrat von 60 cm. Überlebensgroß hoch, wirkt es doch nicht monumental. Der Künstler suggeriert eine Gliederung in einzelne Segmente, schichtet diese aufeinander und durchschneidet den Kunststein förmlich mit Metallbändern.
Ljubomir Levacic spielt mit Formen, variiert, strukturiert, teilt und setzt sie systematisch wieder zusammen. Er sucht und findet eine mathematische Formel, eine für ihn geltende Ordnung und Grundregel. Die Zahl 4 hat dabei eine besondere Bedeutung: 4 Säulen, 4 Evangelisten, 4 Jahres- Zeiten, 4 Elemente, 4 Himmelsrichtungen, 4 Lebensabschnitte ... Würde man die beiden Skulpturengruppen ineinanderschieben, so wie das auf der Skizze sichtbar ist, sollten sie insgesamt 9 Objekte ergeben - um komplett zu sein. Tatsächlich sind es jedoch nur 8. Es liegt in der Absicht des Künstlers, darauf hinzuweisen, dass im Leben immer etwas fehlt - im metaphysischen Sinn -, nichts ist perfekt. Die Suche nach dem verlorenen Element ist wie eine Suche nach der verlorenen Heimat, eine Suche nach dem Paradies, eine Suche nach dem Garten Eden.
Die Objektgruppen "E4 + W4" tragen sichtbare Zeichen der Zerstörung, welche künstlich nachgebildet sind und keinem realen Verfall des Materials entsprechen: die künstliche Erosion als Zeichen der Vergänglichkeit, Symbol der Ruinen einer Stadt. Ljubomir Levacic ist durch seine Herkunft aus Sarajewo unmittelbar vom Krieg betroffen. Mit dieser Arbeit verändert er die beiden Orte, setzt ein wichtiges, unverwechselbares Zeichen, das Denkmalcharakter hat. Die Skzlpturen "E4 + W4" sind jedoch kein herkömmliches Denkmal, das auf lange Vergangenes in der Geschichte hinweist, sondern erinnern an Gegenwärtiges, das in der Jetztzeit, nur wenige Kilometer von uns hier geschieht. Obwohl erst in der jüngsten Vergangenheit begonnen, weist dieser Krieg bereits eine lange Geschichte der Zerstörung auf. Levacic nimmt ganz real Bezug auf seine persönliche Geschichte und die seiner Heimat und errichtete ein Mahnmal als Warnung an die Jetztzeit.
(Quelle: K. Blaas-Pratscher, in: Veröffentlichte Kunst - Kunst im öffentlichen Raum 3, Katalog des NÖ Landesmuseums, Neue Folge Nr. 381, 1995)